Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen

Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg in der heutigen Gesellschaft.
Schon früh entscheidet sich anhand der besuchten Schulform, welche weiteren
Karrieremöglichkeiten einem offen stehen. Doch ist Bildungserfolg immer noch sehr stark abhängig von den Voraussetzungen einzelner Schüler. In der Zusammenfassung der Pisastudie von 2003 heißt es: „Es ist allgemein bekannt, dass Schülerinnen und Schüler mit sozial schwächerem familiären Hintergrund in der Regel durchschnittlich weniger gute schulische Leistungen erbringen als ihre Altersgenossen aus privilegierteren Verhältnissen.“ (vgl. Pisa 2003). So steht schulischer Erfolg also in einem Zusammenhang mit der Schichtzugehörigkeit eines Schülers.

Soziale Ungleichheit reproduziert sich im deutschen Schulsystem so, dass ein Schüler , dessen Eltern keinen hohen Schulabschluss haben, meist weniger Bildungserfolg hat. Mit dem geringeren Bildungserfolg, dem nicht oder schlechter erworbenem Schulabschluss, gehört er wieder einer weniger gebildeten Schicht an. Die soziale Ungleichheit hat sich demnach reproduziert. Zwar ist im Zuge der Bildungsexpansion eine höhere Bildung einer breiteren Masse zugänglich geworden, die Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse für Schüler aus bildungsfernen Schichten sind also größer geworden, dennoch ist die Differenz zwischen Kindern aus Akademikerfamilien und Nichtakademikerfamilien am Gymnasium und folglich auch den Universitäten sehr groß.

Die PISA- Studie von 2003 zeigt den qualitativen Unterschied. Schüler, deren Eltern den höchsten Berufsstatus haben, waren durchschnittlich mehr als 100 Punkte besser als die Schüler, deren Eltern den geringsten beruflichen Status hatten, auch bei den erreichten Bildungsabschlüssen der Eltern, lassen sich mehr als 60 Punkte Differenz zwischen den unterschiedlichen Schülergruppen feststellen. Bourdieu hat den Begriff des Kapitals eingeführt und unterscheidet zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialen Kapital eines Menschen. Das kulturelle Kapital bezeichnet die kulturellen Ressourcen einer Person, die ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern und somit auch ihre sozioökonomische Stellung positiv beeinflussen können (Vgl. Baumert, Watermann, Schümer, 2003). Ein Kind aus einer unteren Schichtzugehörigkeit kann nicht im selben Maße kulturelles Kapital erwerben, wie eins aus einer höheren. Dies führt in der Schule zu unterschiedlichen Leistungen. Wenn beide Kinder in der Schule jetzt unter anderem eben diese Fähigkeiten erlernen und gebrauchen müssen, führt dies meist zu unterschiedlichem Erfolg. Das Kind aus der bildungsnahen Schicht bekommt von seinen Eltern mehr Wissen mit, ist schon eher an die für eine gute Bildung notwendigen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen gewöhnt. Dieser Schüler hat den Vorteil, dass er eben diese Fähigkeiten nicht im selben Maße ausbilden muss, sondern sie sogar benutzen kann um Neues zu lernen und so leichter noch bessere Leistung zu bringen, die zu einem höheren Bildungserfolg führt.

Ein weiteres Problem des unterschiedlichen kulturellen Kapitals ist die frühe Selektion im deutschen Schulsystem. Dadurch, dass schon nach der 4.Klasse entschieden wird, welche Laufbahn ein Schüler einschlägt, hat er wenig Zeit durch Förderung den Rückstand bedingt durch seinen sozialen Hintergrund aufzuholen und besucht durch seine schlechteren Leistungen einen niedrigeren Schultyp. Tendenziell wird er in diesem Schultyp verbleiben, selbst wenn es Möglichkeiten gibt zu wechseln (Vgl. Gill, 2005). Durch die frühe Selektion hat er jetzt noch weniger Chancen Anschluss zu finden. Sein inkorporiertes kulturelles Kapital wird nun durch die Erfahrungen geprägt, die er auf dem niedrigeren Schultyp macht, es wird ihm eine geringere Bildung vermittelt. Die Unterschiede im kulturellen Kapital zwischen einem Schüler einer hohen Schulform und einem einer niedrigen Schulform werden größer werden. Er wird weiterhin weniger inkorporiertes kulturelles Kapital erwerben können, auf Grund des niedrigeren Schultyps auch weniger institutionalisiertes kulturelles Kapital. Wegen seiner schlechteren Berufschancen am Arbeitsmarkt führt dies meist zu weniger ökonomischen Kapital, welches sich auf die Güter, auswirkt. Tendenziell wird er weniger in diese investieren, da er weniger ökonomisches Kapital besitzt, aber auch weniger inkorporiertes kulturelles Kapital, sodass er einen geringeren Nutzen in den kulturellen Gütern sieht. Er gehört somit ebenso zu einer bildungsfernen Schicht, die soziale Ungleichheit hat sich auf Grund des geringeren Bildungserfolges reproduziert. Es wird also sehr deutlich, dass das kulturelle Kapital großen Einfluss auf die oben dargestellte soziale Ungleichheit und deren Reproduktion hat. Die Unterschiede im kulturellen Kapital sind ein entscheidender Vorteil für Kinder aus bildungsnahen Schichten und zusammen mit Unterschieden im sozialen und ökonomischen Kapital führen sie zu tendenziell geringerem Bildungserfolg bei Kinder aus niedrigeren Schichten und damit zur Reproduktion sozialer Ungleichheit.



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