Die “soziologische” Wissenschaft?

Zu Beginn soll erst einmal klar gestellt werden, dass Wissenschaft nicht gleich Wissenschaft ist und dass unter Wissenschaft zu verschiedenen Perioden etwas ganz Verschiedenes verstanden wird. Nun gibt es eine sehr starke Tendenz in der Soziologie-die heute natürlich an der allgemeinen Mathematisierungstendenz der Wissenschaft überhaupt ihre Stütze findet- die glaubt, dass die Formalisierung ein “Allheilmittel” gegen das Auseinanderfallen der soziologischen Einzeldisziplinen ist, dass man also nur etwa eine einheitliche, möglichst mathematische Zeichensprache zu entwickeln hat für die verschiedenen Gebiete, um auf diese Weise zu so etwas wie Einheit zu kommen. Zugleich hat die Formalisierung ebenso die Tendenz, von den spezifischen Interessen an der vorherrschenden konkreten Gesellschaft in weitem Maße zurückzuführen. Die Formalisierung hängt natürlich eng mit dem Instrumentalismus zusammen. Man glaubt so, durch die möglichst geschliffene Durchbildung von Forschungsinstrumenten alleine eine Objektivität garantiert zu haben, die dann aber in allgemeinen mit der Sachhaltigkeit bezahlt wird und die Phänomene auf es ankommt, eigentlich nur einen verhaltensmäßig dünnen Abhub zurückbehält. Man soll ein gewissen Misstrauen gegen den Begriff der wissenschaftlichen Neutralität hegen, der ja aus der Tendenz der Formalisierung genährt und immer wieder hervorgebracht wird. So auch in der formalen Soziologie und hier liegt eben die Schwäche dieser formalen Soziologie. Adorno gibt die Arbeit von Simmel als Beispiel. Der Kern von Simmels Theorie ist der, dass ohne Streit, also ohne Antagonismus von Interessen, so etwas wie Fortschritt nicht statthat und deshalb der Streit an sich als Konstrukt des lebendigen gesellschaftlichen Lebens zu nennen ist. Indem eine solche Theorie sich scheinbar neutral verhält, also von dem spezifischen Inhalt des gesellschaftlichen Streites absieht, in den konkret gesellschaftlichen Streitigkeiten keineswegs auch etwa Partei ergreift, sondern sagt, der Streit an sich, ganz unabhängig von seinen besonderen Inhalten, ist ein gutes, wird- und trotz dieser scheinbar gesellschaftlichen Neutralität und gerade durch sie hindurch – eine gesellschaftliche Entscheidung vollzogen, nämlich eben die für den antagonistischen Zustand, der den Streit hervorbringt, ohne dass auch nur ernsthaft die Frage aufgeworfen wäre, ob es denn durch die Herstellung eines gesellschaftlichen Gesamtsubjekts, die scheinbar formal und im Wesen der Gesellschaft begründende und darum ewige Kategorie wie die des Streites eben doch aufzuheben und durch einen sozial und ökonomisch inhaltlichen und nicht nur juristischen Frieden zu ersetzen wäre.
Die Soziologie hat selbst in ihrem gegenwärtigen Zustand keine einheitliche Methode. In Wahrheit ist die Methode in der Soziologie im weitesten Maße durch den Gegenstand vermittelt, und es kommt entscheidend darauf an, dass die Soziologie dieser Vermittlung selbst innewird.