BILDANALYSE: Der Schrei Teil 2

“Der Schrei” wechselte übrigens vor einiger Zeit seien Besitzer für eine Rekordsumme. Bevor Ihr mit der Bildanalyse fortfahrt lohnt es sich, diesen Videobeitrag unter die Lupe zu nehmen.

Flächengliederung

In der Gesamtheit lässt sich das Werk in drei unterschiedliche Flächen unterteilen: die Brücke im Vordergrund, sowie das Meer und der Himmel. Die Flächen nehmen in etwa denselben Platz ein. Die Brücke wird hierbei von den drei Flächen am detailreichsten dargestellt. (Einzelheiten wie das Geländer) Die Brücke befindet sich am nächsten zum Betrachter und auf ihr spielt sich am meisten ab. Die Fläche, die das Meer darstellt weist neben zwei Booten, die sich weit weg vom Geschehen und dem Betrachter befinden, kaum Details auf. Die letzte Fläche, der Himmel, hat keine Details und besteht nur aus einigen verschiedenfarbigen Linien.

Farbanalyse

Im Großen und Ganzen sind zwei größere Farbtrennungen zu beobachten, wobei die warmen Farben etwas überwiegen. Es werden fast ausschließlich die Farben Rot, Blau, Grün und Gelb genutzt.

Kontextuelle Analyse

Man fühlt sich beim Betrachten intuitiv in die Rolle der Gestalt im Vordergrund ein. Die Gestalt im Vordergrund des Bildes scheint sehr erschüttert und beängstigt. Die unnatürliche und wellenförmige Körperhaltung übermittelt beim Betrachten Angst, die gerade zu ihrem Höhepunkt aufsteigen will. Mit weit offenem Mund und Augen scheint die Gestalt nach Hilfe zu schreien oder tief Luft zu holen. Etwas scheint sehr überwältigend und beunruhigend zu sein. Auch der Hintergrund ist alles andere als stabil. Die wellenförmigen Linien symbolisieren und vermitteln ein Gefühl von Unsicherheit. Die beiden anderen Personen auf der Brücke scheinen jedoch nicht sehr beeindruckt. Sie reagieren nicht auf die Gestalt und die Umgebung, da sie im Vergleich zum Rest sehr real gezeichnet sind. Die Brücke staucht das Bild sehr, sodass man sich eingeengt fühlt und sich vorkommt, als würde man in einen Sog gezogen. Die weite Öffnung der Brücke im Vordergrund unterstützt dies und lädt zum Eintauchen in das Bild ein. Sie sieht jedoch trotz allem stabil aus. Vielleicht stellt sie den letzten Kontakt zur realen Wahrnehmung dar, die die Gestalt noch aufnimmt, den letzten Halt bevor die Angst alles mit sich reißt. Interessant ist, dass der größte Teil des Bildes mit warmen Farben dargestellt wird, die eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Die Brücke sowie der Himmel sind hell-orange bis dunkel-rot. Auch der Gesamteindruck der Landschaft sollte eigentlich im Normalzustand ein schöner sein. Andererseits könnten die Farben für Feuer oder Hitze stehen, die bedrohlich wirken. Der Sonnenuntergang kann für das Ende stehen und der Steg führt geradewegs dort hin. Für mich stellt es also eine persönliche Wahrnehmung der Dinge aus der Sicht der Gestalt in einem starken Angstzustand dar. Eine innere Einstellung von Edvard Munch?

Wenn man etwas über Edvard Munchs Werdegang recherchiert, findet man viele Indizien darüber, was er mit seinem Werk ausdrücken wollte. Gerne brachte er mit seiner „Seelenmalerei“ erlebte Ereignisse seines Lebens auf die Leinwand. Es war die Existenzangst, die ihn immer wieder beschäftigte und ihn zu folgenden Worten in seinem Tagebuch verleitete:

“Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang, die Sonne ging unter – ich spürte einen Hauch von Schwermut – der Himmel färbte sich plötzlich blutig rot. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde gegen einen Zaun – sah die flammenden Wolken wie Blut und Schwerter – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte wie ein langer unendlicher Schrei durch die Natur ging.”

Dieses Zitat beschreibt die Handlung des Bildes sehr umfassend und lässt weitere Interpretationen nur in gewissen Maße zu. Auf jeden Fall aber steht der Schrei für die Menschheit mit ihrer seelischen Not.